Im Profil: Stefanie Rüffer und Rachel Pattison vom Red Dog Theater

img_8270_1000.jpg_cropping_preview.png_nd.pngBeim Red Dog Theater ist der Wolf nicht grau, sondern lila. Und das Rotkäppchen ist vielleicht auch ein bisschen mutiger als in dem Original der Brüder Grimm. Das Theater wurde 2007 von der Puppenspielerin Rachel Pattison gegründet. Seit 2011 arbeitet sie zusammen mit der Potsdamer Schauspielerin Stefanie Rüffer. Bisher entstanden in ihrer gemeinsamen Arbeit drei Inszenierungen für Familien, mit Puppen, Schauspiel und Musik. Für das Stück „Rotkäppchen will nicht schlafen!“, das am 25. Mai beim Märchentag im Volkspark Potsdam gezeigt wird, entwarf und baute Rachel Pattison den lila Wolf mit den zwei verschiedenen Augenfarben. Das Rotkäppchen wird von Stefanie Rüffer verkörpert, die mit dem Stück schon weit umher gereist ist. Kreatives Brandenburg hat sich mit Rachel Pattison und Stefanie Rüffer in Potsdam getroffen und mit ihnen über Märchen, Aufführungen für Kinder und Erwachsene und das Leben als Künstler gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky

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Hallo Stefanie, hallo Rachel, am Sonntag zeigt Ihr „Rotkäppchen will nicht schlafen!“ beim Märchentag im Volkspark Potsdam. Was unterscheidet Euer Stück von dem eigentlichen Rotkäppchen-Märchen?

Stefanie: Es gibt keinen Jäger. Das Rotkäppchen nimmt ziemlich viel selbst in die Hand.

Warum wurde der Jäger weggelassen?

Stefanie: Der Jäger ist einfach nicht nötig.

Rachel: Es geht bei uns darum, dass das Mädchen eine aktive Rolle spielt in dem Stück, um ein starkes Mädchen zu zeigen.

Stefanie: Dass das Mädchen vom Weg abkommt, ist eigentlich genau das, was wir spannend finden. Bei uns ist das Rotkäppchen eher eine Fährtensucherin. Es hat fast etwas Detektivisches. Und wenn sich jemand im Wald auskennt, Spuren sucht und ganz genau die Fährten erkennt, dann braucht es auch keinen Jäger.

Ihr habt den Wolf mitgebracht. Der wirkt auch nicht so grimmig, sondern eher nett und lustig, schon allein durch die Farbe. Der Wolf ist bei Euch nicht grau, sondern lila.

Rachel: Er ist bei uns nicht – wie üblich – der böse Wolf. Wir sagen, es gibt einfach bestimmte Triebe, die Menschen wollen essen und die Tiere natürlich auch.

Stefanie: Gerade als wir uns mit dem Rotkäppchen näher befasst haben, wurde in Brandenburg viel über den Wolf diskutiert. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bin eher auf der Seite des Wolfes. Und da ist auch ganz viel in das Stück mit eingeflossen. Unser Wolf ist ein ganz besonderer, er ist auch sehr charmant – aber trotzdem hat er Hunger.

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Wonach wählt Ihr Eure Stücke aus?

Rachel: Steffi macht das.

Stefanie: Das stimmt. Ich war ganz viel unterwegs, auch im Freilichttheater und hatte immer „Alice im Wunderland“ im Kopf – nicht wegen der Geschichte, sondern wegen der Figuren. Und ich wollte gern etwas mit Puppen machen, und da ich Rachel glücklicherweise aus dem weiteren Freundeskreis kannte, habe ich ihr vorgeschlagen, zusammen „Alice im Wunderland“ zu machen. Als wir gemeinsam in Australien waren, hatten wir Hüte auf und sahen am Strand sehr piratig aus. So entstand die Idee für das nächste Stück „Anna und die Piraten“. Und schließlich wollten wir gern ein Grimmsches Märchen machen – mit einer klaren Geschichte und nicht zu vielen Figuren. Und ein Märchen, mit dem ich auch allein auf Tour gehen kann. So kamen wir zu „Rotkäppchen“.

Rachel: Wir gucken auch, dass wir sowohl Mädchen und Jungen ansprechen können. Das Piratenstück schafft es ganz gut, weil das Thema für alle interessant ist. Es gibt natürlich viele Stücke, die ich mir mal vorgenommen hatte, aber man muss auch gucken, was aktuell möglich ist, und bei „Rotkäppchen“ hat man eine übersichtliche Anzahl von Figuren. Die „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens möchte ich zum Beispiel einmal machen, aber bei begrenzten Mitteln hat man keine freie Wahl. Für einige Stücke sind die Rechte einfach zu teuer.

Stefanie: Viele Sachen entstehen auch aus dem Gespräch heraus oder aus der Beobachtung.

Um noch einmal bei den Märchen zu bleiben, habt Ihr ein Lieblingsmärchen?

Rachel: Bei mir ist es „Der Fischer un sin Fru“. Das würde ich gern irgendwann einmal für Kinder machen.

Stefanie: Das finde ich auch ein super Thema! Dieser ganze Konsum, dieses Habenwollen, das ständig präsent ist.

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Habt Ihr selbst als Kinder Märchen gemocht?

Rachel: Auf jeden Fall. In Australien, wo ich aufgewachsen bin, ist die Märchenkultur zwar da, aber nicht so verankert wie in Deutschland. Ich hatte auch ganz alte Märchenbücher von meinem Vater, die vielleicht heute niemand mehr kennt.

Stefanie: Ich habe sehr viele Märchen gelesen, vor allem Andersen, Hauff und Grimm.

Das Red Dog Theater gibt es seit 2007. Wie ist es entstanden?

Rachel: Das Red Dog Theater ist aus meiner Diplomarbeit entstanden. Ich wollte so etwas wie ein „Schirmtheater“ gründen, wo unterschiedliche Leute zusammen arbeiten können in unterschiedlichen Formationen. Auch als deutsch-englisches Theater. Ein Stück haben wir 2008 auf Englisch und Deutsch gemacht – „Die Weihnachtgans Auguste“. Das ist ganz gut gelaufen.

Warum heißt es Red Dog Theater?

Rachel: Da gibt es ganz viele unterschiedliche Geschichten. Es ist eine Farbe und ein Tier, so dass es einfach einen Wiedererkennungswert hat. Es sind auch Wörter, die man relativ früh lernt, wenn man Englisch lernt – Farben und Tiere. Aber red dog ist auch ein australischer Hund – ein zähes, überlebensfähiges Tier.

Stefanie: Und es ist ein unglaublich hübscher Hund. Ich habe ihn in diesem Jahr zum ersten Mal gesehen.

Spielt Ihr ausschließlich für Kinder und Jugendliche?

Rachel: Die letzten drei Stücke waren für Kinder. Bis jetzt haben wir erst ein Erwachsenenstück gemacht.

Wie kommt das?

Rachel: Weil es sich besser verkaufen lässt. Wenn man nicht die Unterstützung von einem Haus oder genug Fördergeld hat …

Stefanie: Also bei mir ist es eher die Vorliebe (lacht). Aber jetzt ist unbedingt auch mal ein erwachsenes Stück dran. Alles, was wir bisher gemacht haben, das sind Figuren und Themen, auf die ich große Lust hatte. Ich habe Lust, verrückte Sachen für Kinder zu machen. Ich komme aus dem „physical theatre“. Ich habe an der Folkwang studiert, und da ging es viel um absurdes Theater, um Komik, Gagmuster und großkörperliches Arbeiten. Ich fand es sehr spannend, das mit dem Puppentheater zu mixen. Jetzt haben wir den Wunsch, zu gucken, was wir von der Theaterart, die wir machen, auch in Stücke für Erwachsene übertragen können.

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Welche Unterschiede gibt es, für Kinder oder Erwachsene zu spielen?

Rachel: Ich denke unsere Kinderstücke sind auch sehr spannend für Erwachsene. Ich würde sie als Familienstücke bezeichnen. Es ist wichtig, dass man für Kinder auch intelligente Witze hat, dass man nicht nur Klamauk macht und mit den Puppen herum hampelt. Bei den Erwachsenenstücken kann man den Spannungsbogen enger spannen.

Stefanie: Da kann man auch etwas krasser werden.

Habt Ihr auch schon als Kinder Theater gespielt?

Rachel: Ganz wenig.

Stefanie: Als Kind nicht. Das war leider überhaupt nicht im Angebot bei uns.

Rachel: Ich habe selbst immer Gedichte geschrieben und vorgetragen und mich verkleidet. Wir sind ein oder zweimal zu einem Kindertheaterstück gegangen.

Stefanie: Ich kann mich nur an die Aufführung „Peter und der Wolf“ erinnern. Außerdem finde ich Theater spielen sehr wichtig. Ich habe selbst eine Kindertheatergruppe und sehe einfach, wie spannend es für sie ist, Theater zu spielen.

Wann entstand bei Euch der Wunsch, Schauspielerin bzw. Puppenspielerin und Figurenbauerin zu werden?

Rachel: Das ist ganz langsam entstanden. Ich habe ein bisschen Theater gemacht auf dem Gymnasium, aber eigentlich wollte ich was ganz anderes studieren. Ich habe einen „Mischkurs“ gemacht, der ein bisschen von allen Theaterbereichen hatte. Zu der Zeit habe ich einen Puppenspielworkshop belegt und eine Puppe gebaut. Und da merkte ich die Reaktion auf diese Puppe, die nur aus Blättern und Stöcken bestand. Das war ganz magisch, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nie Darsteller sein wollte. Dann begann ich Puppen zu bauen, eher größere Sachen. Peu à peu habe ich dann auch damit gearbeitet. Aber erst als ich nach Europa kam, kam ich auf die Idee, dass ich vielleicht auch selbst spielen möchte.

Stefanie: Ich habe hier im Jugendalter beim Offenen Kunstverein Potsdam angefangen mit Theater. Mit der Theatergruppe waren wir viele Jahre unterwegs und haben auch auf Festivals gespielt. Irgendwann habe ich gedacht: Das soll jetzt mein Beruf werden. Dann bin ich auf Vorsprech-Tournee gegangen. Ich habe eine Zeit lang in Holland studiert und an der Folkwang in Essen. Das war ein interessanter Studiengang, weil nicht nur das klassische Schauspiel dabei war, sondern auch Bewegungstheater, Maskentheater, Clownerie, Regie und Pantomime, absurdes Theater…

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Rachel, wie kam es, dass Du nach Deutschland gekommen bist?

Rachel: Ich habe mich verliebt (lacht). Ich war in Irland für einen Workshop, und da waren ganz viele Leute aus Potsdam. Und ich habe mich in einen verliebt. Dann bin ich für zwei Wochen hierher gekommen, Weihnachten 2002. Irgendwann habe ich mich dann an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin beworben. Und dann bin ich geblieben.

Wie lange probt Ihr für ein Stück?

Rachel: Das ist für jedes Stück ein bisschen unterschiedlich. Für das Piratenstück haben wir sehr lange recherchiert und sehr viel improvisiert. Das war ein sehr aufwendiger Prozess.

Stefanie: Ich würde sagen, alles in allem brauchen wir dafür zwei bis drei Monate.

Rachel: Allein an dem Wolf habe ich ungefähr einen Monat gearbeitet. Und die Flyer machen wir ja auch selbst.

Stefanie: Und wir versuchen auch immer noch ein Hörspiel zu machen. So verlängert sich die gesamte Arbeitszeit an einem Stück.

Eure Einnahmen vom Red Dog Theater reichen vermutlich nicht, um ganz davon leben zu können? Was macht Ihr noch?

Rachel: Ich mache manchmal noch Sprecherarbeit. Im Moment bin ich fest angestellt als Puppenspielerin im Theater des Westens in Berlin. Und ansonsten waren die ersten zwei Jahre, die Stefanie und ich zusammen gearbeitet haben, ziemlich karg.

Stefanie: Zum Glück haben wir auch ein paar Bekannte, die in anderen Bereichen künstlerisch tätig sind, die uns ein paar Tipps gegeben haben. Jetzt sind wir zum Beispiel zum zweiten Mal bei einer Kinderkulturbörse dabei gewesen. Dort kann man sich mit seinem Theater vorstellen und Veranstalter kennen lernen. Dadurch haben wir verstärkt Auftritte in Süddeutschland und Österreich bekommen. In manchen Monaten sind wir wirklich gut gebucht. Die Wochenenden im November und Dezember sind jetzt schon voll. Ich gebe sonst noch Theaterworkshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ich bin teilweise auch Gastdozentin und habe seit einem Jahr eine eigene Kindertheatergruppe. Im offenen Kunstverein Potsdam, wo ich mal angefangen habe. Ich bin ziemlich oft im Lindenpark, wo wir spielen und wo ich Kurse gebe. Zur Walpurgisnacht konnte ich mit einer Kollegin für den gesamten Veranstaltungstag ein szenisches Konzept erstellen und aufführen.

Rachel: Seit vielen Jahren schaffe ich es ohne Zusatzjobs. Aber es bleibt spannend. Ich habe das Gefühl, dass es in eine positive Richtung geht. Wir haben schon vieles gelernt.

Stefanie: Für Rotkäppchen haben wir von der Stadt Potsdam eine Förderung bekommen. Das war auch schon einmal eine Stufe nach oben. Für das Erwachsenenstück habe ich den Brandenburgischen Kunst-Förderpreis bekommen. Wir sind inzwischen nicht mehr unbekannt. Hier in der Gegend gibt es Menschen, die unsere Arbeit schätzen und nicht nur die Förderer, sondern auch die Zuschauer. Wir haben schon ein paar kleine Fans.

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Was könnte Euch die Arbeit erleichtern?

Rachel: Man könnte schon viel mehr schaffen, wenn man weniger Zeit in Anspruch nehmen müsste für Anschreiben, für Werbung und Buchhaltung. Dann hätte man mehr Zeit fürs Schreiben und Spielen.

Stefanie: Ja, wir brauchen eine Buchhalterin oder einen Buchhalter. Das ist oft einfach zu viel. Wir sind Künstlerinnen. Aber dadurch, dass wir alles allein machen, geht viel Zeit für Bürokram drauf.

Gibt es im Studium auch so etwas wie Marketing- oder Managementkurse?

Stefanie: Es gab in meinem Studium keine Tipps dazu – weder zu Marketing, Buchhaltung oder Versicherung. Und die meisten Schauspieler sind ja Selbstständige.

Rachel: In der Ernst-Busch-Hochschule fangen sie wohl jetzt an, so etwas anzubieten, aber zu meiner Zeit gab es dazu noch nichts. Ich habe im vergangenen Jahr einen Kurs zur Geld-Akquise gemacht.

Könntet Ihr Euch auch vorstellen, etwas komplett anderes zu machen?

Rachel: Ich hatte mich tatsächlich vor ein paar Jahren für die Ausbildung als Hebamme beworben. Das hat aber nicht geklappt. Zum Glück.

Stefanie: Es gibt so Momente, in denen mir alles über den Kopf wächst, wo ich echt überlege, was es sein könnte. Und dann schießen mir so hier und da ein paar Ideen in den Kopf. Aber mein Herz ist so dermaßen beim Schauspiel und beim Theater, das nichts anderes geht.

Rachel: Ich könnte mir vorstellen, für ein Theater auch nur im Bereich Administration zu arbeiten. Dafür könnte ich mich auch begeistern. Das fand ich bei „Rotkäppchen“ auch ganz gut, weil Steffi gespielt hat und ich mich auf andere Sachen konzentrieren konnte. Aber natürlich möchte ich nicht jedes Stück so machen.

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Stefanie, Du kommst aus Potsdam, hast an der Folkwang Hochschule Essen Schauspiel und Regie studiert, lebst jetzt wieder in Potsdam. Was hat Dich zurück nach Brandenburg gezogen?

Stefanie: Na toll, schon wieder die Liebe (lacht). Ich hatte nach dem Studium ein Engagement bei einem Freilichttheater bei Bonn. Das hatte ich ein paar Jahre hintereinander jeden Sommer. Und im Winter war ich unterwegs mit Pippi Langstrumpf. Ich konnte meine Traumrolle spielen! Zu der Zeit habe ich gedacht, unterwegs zu sein, ist großartig. Ich habe aber auch irgendwann gemerkt, dass es sehr anstrengend ist und ich keine Lust mehr habe, Zug zu fahren. Dann habe ich mich entschieden, mal ein ganzes Jahr in Potsdam zu sein. Und das war dann auch fein. Es sind andere Begegnungen entstanden. Es ist auch toll, in die Potsdamer Künstlerszene wieder einzutreten. Die Berliner Szene finde ich zu unübersichtlich. Da bin ich froh, dass ich Rachel kennen gelernt habe. Ich habe mich mit Potsdam wieder ein bisschen angefreundet. Erst habe ich gedacht, dass es mir hier zu klein sein wird. Aber dadurch, dass wir in Berlin spielen und deutschlandweit unterwegs sind, ist Potsdam nicht mehr ganz so klein.

Ich bin jetzt auch in der Scholle51. Seit Mai habe ich dort einen Arbeitsraum, und ich merke schon, dass es etwas ausmacht, wenn man mit unterschiedlichen Künstlern in einem Haus zusammen ist und auch mitbekommt, was sie machen, so dass man vielleicht auch gemeinsame Projekte entwickeln kann. Der Wolf könnte ja zum Beispiel bei einer Vernissage mal den Künstler vorstellen.

Euer nächstes Projekt ist ein Erwachsenenstück? Wann kann man damit rechnen?

Rachel: Im Frühjahr nächsten Jahres.

Stefanie: Ich würde gern noch in diesem Jahr einen kleinen Einblick geben – eine Art Werkschau, um zu sehen, wie das Publikum reagiert.

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Fotos: Red Dog Theater

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